Heulen Eulen?

Unsentimentale Anmerkungen zur Weltlage

Mühlen

Wenn es um die Rückabwicklung der zarten Anfänge einer Energiewende in Deutschland geht, wird – bezogen etwa auf die Wirtschaftsministerin – vom Lobbyismus zugunsten der Gasindustrie gesprochen; andere Erklärungen verweisen auf ästhetische Kriterien und deren Verletzung („Verspargelung der Landschaft“) oder die Vermeidung der gefürchteten „Dunkelflauten“, wenn im Dunkeln Windstille herrsche und dann keine Stromproduktion stattfinden könne. Bei Parteien wie der AfD oder des BSW kommt noch die Belohnung Russlands hinzu, wenn das „günstige“ Gas Russlands den erneuerbaren Energien gegenübergestellt wird.

All diese Argumente treffen sicherlich zumindest teilweise zu. Ein Punkt aber wird dabei kaum berücksichtigt, weshalb er im folgenden mit Hilfe eines Exkurses zu Mühlen – und zwar zu Getreidemühlen anstelle von Windkraftanlagen – hergeleitet werden soll.

In agrarischen Gesellschaften wie im mittelalterlichen oder frühneuzeitlichen Europa lebten die meisten Menschen von der Landwirtschaft; zumeist war der Getreideanbau die wichtigste Erwerbsquelle. Das Getreide musste sodann – etwa für die Brotherstellung – gemahlen werden; dies geschah in kommunalen, gewerblichen oder landesherrlichen Mühlen oder mit Handmühlen in den einzelnen Haushalten selbst.

Heute gibt es nur noch weniger dieser alten Wind- oder Wassermühlen; sie werden als historische Kulturgüter erhalten und/oder für museale, kulturelle oder touristische Zwecke umgewidmet. Was bei der Konzentration auf die Gestaltung der Mühlen oft vergessen wird, ist die Funktion der Mühlen. Sie dienten nämlich nicht nur der Versorgung mit Mehl oder der Erwirtschaftung von Gewinnen, sondern waren auch ein wichtiges Element von Herrschaftsausübung. So strebten viele Landesherren nicht nur zur eigenen Einkommensgenerierung danach, die Mühlen auf ihrem Gebiet in Besitz zu nehmen, sondern verfolgten auch das Ziel, hierdurch die Abhängigkeit der Untertanen zu verstärken. Gerade die dezentrale Versorgung mit Mühlen (noch schlimmer: Handmühlen) war den Herrschenden ein permanenter Dorn im Auge, was zu einer immer stärkeren Zentralisierung und Maschinisierung von Mühlen bis ins 20. Jh. hinein führte.

Und damit zurück zur aktuellen Energiegewinnung. Es sollte deutlich geworden sein, dass wichtige Elemente der Infrastruktur wie etwa kommunale Windkraftanlagen oder private Solarpanels aus der Sicht einer autoritären Staatskonzeption ein großes Problem sind: Sie können zur Versorgung der Menschen dienen, ohne dass zentralstaatliche Akteure ungehindert eingreifen können. Diese Staatskonzeption und deren Folgen für die Energiewende sind daher als zentrale Elemente der Energiepolitik nicht nur bei AfD und Wirtschaftsministerin anzusehen.

Texte

Die wissenschaftliche Beschäftigung mit Texten, insbesondere in den Sprach- und Literaturwissenschaften (etwa: Germanistik, Anglistik usw.) steckt spätestens mit Beginn des aktuellen Jahrtausends in der Krise. Die Nachfrage nach Studienplätzen ist ebenso stark zurückgegangen wie die Gewinnung neuer Erkenntnisse.

Diese Entwicklung ist insgesamt nicht verwunderlich. Entstanden als Produkt des Nationalismus des 19. Jhs. hatten diese Wissenschaften es sich zum Ziel gesetzt, Nationalsprachen zu kodifizieren, zu standardisieren und in ihrer Entwicklung zu steuern. Ebenso wurde versucht, einen literarischen Kanon zu definieren und über diesen die gesellschaftliche Selbstwahrnehmung als Nation herzustellen.

Ähnlich wie die Theologie, die mit der Durchsetzung der kapitalistischen Wirtschaftsform, der Aufklärung und der Säkularisierung seit dem 18. Jh. an Bedeutung verlor, erfuhren die Sprach- und Literaturwissenschaften zwei Jahrhunderte später mit der sinkenden Relevanz des Nationalstaats durch Globalisierung und übernationale Regulierungsformen (etwa: Europäische Union) zumindest im sog. Westen ihre herausragende Bedeutung für die große Metaerzählung der einzelnen Gesellschaften.

Die Suche nach wissenschaftlichen Alternativen zu ihrer ursprünglichen Zwecksetzung war in den Sprach- und Literaturwissenschaften – ähnlich wie in den ebenfalls nationalismusaffinen Fächern Geographie und Geschichte – in jüngerer Vergangenheit wenig ertragreich, so dass für die dortigen Akteure nicht nur Reputationsverluste, sondern auch das Verschwinden von Hochschulstellen drohte. In dieser Situation fand eine Art Rückbesinnung auf ihren Ursprung statt: ihre Rolle als politische Instrumente bzw. Akteure.

Dies findet in zwei Richtungen statt. Zum einen ändern sich die Textformen. Während in der Hochzeit der Nationenbildung Romane, Dramen und Epen ein wesentliches Element der Formierung eines einheitlichen Bildes der zentralen Merkmale der Nation waren und über die Bildungspolitik in das sich entwickelnde nationale Selbstverständnis eingebaut wurden (exemplarisch das Selbstbild der Deutschen als „Volk der Dichter und Denker“), ist die heute aus den krisengebeutelten geisteswissenschaftlichen Fakultäten in die Realität schwappende politische Zielrichtung eine bescheidenere, besser vielleicht: deutlich reduziertere. Statt gewaltige Romane politisch zu verwerten, geht es jetzt um einzelne Wörter. Immer wieder werden dem eher genervt als gebannt lauschenden Publikum Wörter präsentiert, die vorurteilsbelastet, diskriminierend, rassistisch, also böse sind und durch andere ersetzt werden müssten. Alle paar Jahre werden diese anderen Wörter dann ebenfalls als böse identifiziert und müssen durch ganz neue ersetzt werden usw. Die alten Wörter dürfen dann auch nicht einmal mehr zitiert werden, sondern können nur noch als XY-Wörter angesprochen werden.

Die (bisher) letzte Schwundstufe der Beschäftigung mit Texten geht dann sogar noch über einzelne Wörter hinaus und radikalisiert das Distinktionsbedürfnis hin zu grammatikalisch zweifelhaften Neubildungen und zur (Nicht-)Verwendung einzelner Laute. Wer hier an den politisch korrekten Einsatz des Glottisschlags oder die epidemische Verwendung des Partizips Präsens denkt, dürfte nicht ganz falsch liegen.

Die zweite Richtung des neuen Umgangs mit Text verzichtet insofern auf die Beschäftigung mit besonderen Formen der Literatur, als nun alles – ausgenommen die Literatur selbst – zu Text wird, der als solcher gelesen wird. Dabei können Dinge und Situationen ebenso als etwas gelesen werden wie Menschen, die so zum Text werden, die der geisteswissenschaftlich geprägte Mensch zielgerichtet entsubjektiviert und letztlich dehumanisiert. Üblicherweise handelt es sich bei denjenigen Personen, die da so gelesen werden, um Personen, die nach Geschlecht, sexueller Orientierung oder Migrationshintergrund sortiert werden können; eher selten liest man davon, dass jemand etwa als Fleischwarenfachverkäuferin gelesen wird. Offensichtlich handelt es sich im letzteren Fall um keine sehr spannende Lektüre.

Man könnte diese Schreib- und Sprechweise als bloße Wichtigtuerei qualifizieren, was auch sicherlich nicht auszuschließen ist; dennoch haben zwei Aspekte eine größere Bedeutung. Zum einen fällt auf, dass das „Lesen“ zumeist im Passiv formuliert wird. Jemand wird z. B. als Frau gelesen; es heißt nicht, dass eine Person eine andere als Frau liest. Mit diesem Verschwinden von Akteuren durch die Nutzung von Passivformulierungen werden auch Handlungen unsichtbar gemacht, indem etwa Diskriminierungen als Resultate von „Lesarten“ verstanden werden, nicht als ziel- und zweckgebundene Entscheidungen. Harte Realität wandelt sich so zur Debatte um Lesarten.

Zum anderen und eng mit dem ersten Punkt verbunden ist die reduzierte Offenheit für Korrekturen des „Lesens“, was beim Vergleich mit anderen Arten von Merkmalszuschreibungen auffällt. Ein Beispiel: Trifft man eine Person mit kariertem Rock und einem Dudelsack, kann man dieser die Frage stellen, ob sie denn aus Schottland sei. Die Antwort ist in keiner Weise vorgeprägt, sie kann „ja“ lauten oder „nein, aus Castrop-Rauxel“. Etwas eingeschränkter ist die Verwendung des Ausdrucks „halten für“; im geschilderte Fall kommt üblicherweise die Negation zum Einsatz: „Ich habe ihn für einen Schotten gehalten, aber er war aus Castrop-Rauxel“. Beim „Lesen“ hingegen ist eine Entscheidung über ein tatsächlich vorhandenes oder eben nicht vorhandenes Merkmal nicht mehr vorgesehen; wird jemand „als Schotte“ gelesen, hat er selbst keine Verfügungsgewalt mehr über seine Kategorisierung. Aus einem autonomen, selbstbestimmten Individuum ist ein Text geworden, dessen Inhalt einzig von den „Lesern“ bestimmt wird.

Menschen als Text zu verstehen, hat schon einen Hautgout – es stinkt.

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