Es gibt wohl kaum etwas, das eindeutiger auf der positiven Seite der Wahrnehmung steht als der Kreislauf – etwa in der Form von Kreislaufwirtschaft oder Recycling. Dann sind gelbe Säcke oder Tonnen ein Weg, um die Verschwendung von Rohstoffen zu reduzieren, dann ist auch jede Art von Wiederverwendung ein Statement gegen die Wegwerfmentalität, und Reparaturfähigkeit ist nicht nur ein Kampfbegriff gegen die (vermutete oder tatsächliche) Obsolenz vieler technischer Geräte. Jenseits der Frage nach Sinnhaftigkeit oder Praktikabilität einzelner Formen von Kreislaufwirtschaft ist aber auch die Ideenwelt zu betrachten, die – oft unbemerkt – in die damit verbundenen Konzepte eingebettet ist.
Es ist kaum zu leugnen, dass das Ideal des Kreislaufprozesses auf der jahrtausendealten Utopie des Perpetuum Mobile basiert, also der Vorstellung, man könnte einen physikalischen Prozess, der einmal in Gang gekommen ist, auf Dauer aufrechterhalten, ohne weiter Energie zuzuführen. Spätestens mit der Formulierung des Energieerhaltungssatzes Mitte des 19. Jhs. ist jedoch die Unmöglichkeit eines Perpetuum Mobile nachgewiesen, was bis heute physikalische Laien aber nicht davon abhält, weiter an entsprechenden Apparaten zu tüfteln.
Aber nicht nur physikalische Gesetze erschweren die Verwirklichung von Kreislaufwirtschaft, auch sind etwa im Bereich der Biologie entsprechende Ansätze oft mit hohen Risiken verbunden. Dies zeigt nicht zuletzt das Auftreten von BSE (vulgo: Rinderwahnsinn) in den 1990er Jahren, als vermutlich Tiermehl im Futter von Rindern bei diesen zur Erkrankung führte. Rinder essen Rinder – das ist also keine gute Idee.
Es gibt jedoch einen Bereich, in dem das Perpetuum Mobile möglich erscheint – und das sind die Medien. Noch recht nahe am Vorbild der Biologie verblieb in den 1990er Jahren einer der Protagonisten, der RTL-Geschäftsführer Helmut Thoma, als er auf die Kritik an der Qualität seines Fernsehprogramms antwortete, der Wurm müsse ja nicht dem Angler schmecken, sondern dem Fisch (so z B. im Spiegel-Interview „Der Wurm muß schmecken“ im Spiegel 42/1990). Wendet man die Metapher kreislauftheoretisch, ist das Perpetuum Mobile perfekt: Einmal initiiert führt das RTL-Programm dazu, dass es von zahlreichen Zuschauern angesehen wird, wodurch wiederum die Mittel für seine Fortführung erwirtschaftet werden. Nicht zuletzt bleibt dann sogar noch ein erklecklicher Extra-Profit für die Investoren übrig, was als Traum jedes Apologeten von Kreislaufwirtschaft bezeichnet werden kann.
Aber bereits vor dem deutschen Privatfernsehen haben Medien ihre Kreislaufwirtschaft etabliert, und zwar in Form der Boulevardzeitungen, etwa der Bild-Zeitung. Sie bestätigt bei ihren Lesern diejenigen Ressentiments, die sie selbst bei ihnen erzeugt hat; oder auch: Volksverdummung als perfekte Form von Kreislaufwirtschaft. Eine Variante davon formuliert Wolf Haas in seinem Roman „Das ewige Leben“: „Das ist eine interessante Kreislaufwirtschaft: In der Trafik [österr.: Verkaufsstelle für Tabakwaren, Zeitungen u. a.] kauft man sich die neuesten Zeitungen, sprich neueste Nachrichten … Aber woher wissen die Zeitungen das alles? … die wissen es wieder von den Trafikanten.“ Ähnliche Kreislauffunktionen weisen auch die sozialen Medien auf, was hier aber nicht näher vertieft werden soll, um Redundanzen zu vermeiden.
All diese Beispiele könnten als Beleg dafür angeführt werden, dass zumindest im Bereich von Medien und Information die aus der Physik resultierenden Einschränkungen für eine vollkommene Kreislaufwirtschaft und damit ein Perpetuum Mobile nicht existieren. Wenn es da nicht Untersuchungen zum aktuell fortgeschrittensten Medium, der Informationsfunktion der Künstlichen Intelligenz, gäbe.
Wie eine Studie in der Zeitschrift Nature zeigt, führt das Training von KI durch KI-generierte Texte zu einem unausweichlichen Verlust an Aussagekraft und Informationsqualität, was schließlich zum Kollaps des gesamten zugrundeliegenden Modells führt (Shumailov, I., Shumaylov, Z., Zhao, Y. et al. AI models collapse when trained on recursively generated data. In: Nature 631, 755–759 (2024). https://doi.org/10.1038/s41586-024-07566-y). Das heißt: Nur durch permanenten Zufluss externer, menschengemachter Texte ist die KI vor dem konstitutiven Zwang zur Selbstverblödung geschützt.
Gerade an diesem Beispiel lässt sich abschließend sehr gut erkennen, dass die sog. Kreislaufwirtschaft im Informationssektor eine Chimäre ist, die in erster Linie dazu dient, das Sich-kostenlos-Bedienen an fremder Arbeit unsichtbar zu machen. Wird hingegen das Kreislaufmodell konsequent umgesetzt, klingt der in der Tiermedizin akut gewordene BSE-Skandal vergleichsweise wie ein Schönheitsfehler.
Neueste Kommentare